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Donnerstag, 28. September 2006
Wir bleiben ein paar Tage in Porto und schlafen erst einmal kräftig aus. Es gibt noch einige Aufgaben zu erledigen und der Essensvorrat muss wieder aufgestockt werden. Ein guter Freund von Martin, Björn, besucht die ALDEBARAN im Hafen von Porto und hilft der Crew tatkräftig bei noch allen anfallenden Arbeiten an Bord. Es ist mal wieder eine tolle Mannschaft am Start.


Samstag, 23. September 2006
Wir haben am 19.9.06 morgens Jens verabschiedet und uns auf den Weg nach Süden gemacht, bei traumhaften Bedingungen wechselten wir nachmittags die spanische gegen die portugiesische Gastflagge aus und drehten die Bordzeit um eine Stunde auf die neue Landeszeit zurück. Portugal, endlich! Leider verließ uns ein weiteres Mal kurz darauf der Wind und zum anderen erreichte uns eine Sturmwarnung für die Folgetage, aus dem Büro Schrader in Kiel kamen sogar Aussichten auf Orkanböen in unserer unmittelbaren Nähe. Grund genug, einen entsprechend sicheren wie auch hinsichtlich der Infrastruktur für mehrere Liegetage geeigneten Hafen zu wählen. Wir entschieden daher, uns bis Porto, bzw. den angrenzenden Hafen bei Leca da Palmeira, vorzudieseln. Um 1:30 Uhr erreichten wir die Marina.

Am 22.9. machte sich Sören auf die Heimreise, schweren Herzens aus seiner wie meiner Sicht: Über 5 Wochen hatte er mit uns gekämpft und das Projekt große Schritte voran gebracht, er wird eine weitere Lücke hinterlassen, die nach dem Abschied von Uli und Jens schwer zu füllen sein wird. Wir liegen also weiterhin in Porto, der erste Sturm hat sich gelegt, er schickte uns Böen von immerhin 9 Beaufort bis in den Hafen, wo er zwar heulte, aber wenig Schaden anrichtete.

Wir hatten die Segel abgeschlagen und alle Leinen gedoppelt, waren also angemessen vorbereitet, als das Getöse nachts losging und die Wellen beeindruckend über die äußere Hafenmole brachen, uns hinter dem zweiten Molenring aber nicht erreichen konnten.

Montag, 18. September 2006
Um 5:15 Uhr fällt früh morgens in völliger Dunkelheit auf der Leeseite der Insel St. Martin, Ria de Vigo, auf 7m Wassertiefe unser Anker. Er greift sofort, wir stecken überflüssig viel Kette, um uns bei totaler Flaute die Ankerwache ohne schlechtes Gewissen schenken zu können. Um 9:00 Uhr kommt wieder Leben ins Schiff, wir drehen ein paar Runden im hier doch mit 16 Grad relativ kühlen Wasser vor der mittlerweile traumhaft beleuchteten Kulisse und fahren nach einem gemütlichen Frühstück schließlich weiter nach Vigo.

Hier war letztes Jahr Schluss mit der Reise der ALDEBARAN in Richtung Süden, mit gebrochenem Mast hatte sie diesen Hafen Ende letzten Jahres in schwer angeschlagenem Zustand erreicht. Nicht in diesem Jahr, emsig arbeiten wir weiter an unseren mittlerweile wieder besser strukturierten Aufgaben. Zuvor aber feiern wir das in diesem Jahr rundum erfolgreiche Erreichen von Vigo mit dem Besuch einer Tapas-Bar, in der uns herrliche Schätze aus dem Atlantik serviert werden. Um 16 Uhr schließlich stoßen wir bei unseren Außenarbeiten auf ein unerwartetes, obwohl irgendwie auch sympathisches Problem: Die Sonne knallt vom Himmel, wir haben Temperaturen jenseits der 30 Grad, die uns schwer zu schaffen machen. Daran müssen wir uns erst wieder gewöhnen… . Für den Abend planen wir ein „Captain´s Dinner“, schließlich wird Jens uns morgen verlassen und wir werden zu dritt weiter in Richtung Porto aufbrechen.

Sonntag, 17. September 2006
Endlich, endlich kommt das Schiff zu seinem Recht und wird gründlich sauber gemacht. Auf der ALDEBARAN gibt es zu allen Utensilien, vom Kochtopf bis zur Nietzange, vom Backpulver bis zum Getriebeöl, genaue Listen zu an Bord zu nicht zu unter- und überschreitenden Mengen und ebenso zugehörige Staupläne. Somit ist gewährleistet, dass auch bei wechselnder Crew ohne Verzögerungen gearbeitet werden kann. In den letzten Tagen war die Crew allerdings viel zu sehr damit beschäftigt, das Schiff nach Spanien zu treiben, statt die gewohnte Ordnung aufrecht zu erhalten und die vielen anliegenden Jobs zu erledigen. Da kann sich auf so engem Raum schnell der Bordkoller breit machen, aber nach einer objektiven Crew-Diskussion über eine Lösung, stricken wir bald eine zu aller Zufriedenheit zusammen und allmählich sind wir wieder Herr der Lage und kommen dem gewünschten Normalzustand näher.

Mittags füllen wir unsere Tanks und hoffen, am Abend noch günstigen Wind für die Weiterfahrt nach Vigo zu bekommen. Gegen 18 Uhr geht der Wind von Süd auf West, wir machen uns auf die Reise, um kurz darauf wieder vom Wind verlassen zu werden. Kein einziges Lüftchen, frustriert motoren wir in die Nacht. Unterwegs müssen wir mehrere Ketten von Schleppnetzfischern umfahren, eine zusätzliche anstrengende Hürde. Aufgeheitert werden wir erneut von fantastischem Meeresleuchten und vielen Delphinen, die im Plankton ebenfalls leuchtende grüne Streifen hinterlassen.

Samstag, 16. September 2006
Eine Nacht durchschlafen, welch ungewohnter Luxus. Gemeinsames Frühstück mit weichem Ei und frischem Brot, ohne dass uns alles wie wild über den Tisch schlingert oder auf rutschfester Unterlage einfach umkippt. Ohne Lifebelt unter die Dusche, die endlos lang warm ist. Dann holt uns mittags der Alltag ein: Die Aufgabenliste wird aktualisiert, schließlich haben wir uns reichlich Arbeit mit auf die Reise genommen. Das Schiff hat sich bewährt, nun schreit es aber wieder nach Aufmerksamkeit. Da wir mit unserer zügigen Fahrt 3 Tage Puffer bis zur Abreise von Jens und weitere 3 bis zur Abreise von Sören haben, ist hinreichend Zeit, um fast alle Aufgaben bis dahin gemeinsam abzuschließen Trödeln dürfen wir trotzdem nicht, denn wir hoffen, in einer Woche bereits in Porto zu sein. Das ist genauso verhältnismäßig nah wie unsere Aufgabenliste lang.

Freitag, 15. September 2006
Die letzten Stunden ziehen sich, wir wollen endlich ankommen. Es ist diesig. Dann lässt der Wind plötzlich nach, der Himmel reißt auf, am Horizont wird sichtbar, was dem Kap Hoorn unserer gesamt Karibikexpedition entspricht: Kap Finisterre. Wir erreichen es bei schönstem Wetter und sind damit viel früher als erträumt dem meist schwierigen Herbstwetter in Kanal und Biskaya entronnen, das noch im Vorjahr zum Mastbruch geführt hatte. Alles ist gut, Erleichterung und Zufriedenheit macht sich breit. Zusammen mit der Landcrew in Hamburg hatten wir wochenlang geschuftet und punktgenau zur Öffnung des geeigneten Wetterfensters den Absprung geschafft, dann in weniger als 10 Tagen ab der Elbmündung mehr als 1200 Seemeilen abgespult, in denen wir eine einzige Nacht und alles in allem keine 24 Stunden in Häfen verbrachten. Es ist eine tolle Mannschaftsleistung, die über die Anwesenden vier hinausgeht und auch das Wetter meinte es insgesamt gut mit uns, darüber sind wir sehr dankbar.

Das Kap ist gerade passiert, da werden wir von zahlreichen Delphinen begrüßt, die über eine Stunde bei uns bleiben, mit dem Schiff spielen und Caro an den Füßen kitzeln, als sie zu Ihnen ins Wasser steigt. Im Reich der Sonne angekommen haben wir eine Wassertemperatur von kaum 15 Grad, für mehr als ein paar Minuten fehlen Caro nach den vergangenen Tagen aber die Reserven.

Als nächsten Hafen südlich vom Kap mit allen gewünschten Eigenschaften in Form von Duschen, Wasser, Strom, Waschmaschine, Supermarkt und Internetcafe machen wir Portosin, Ria de Muros aus, wir können es im Gegensatz zu Vigo noch bei Tageslicht erreichen und um 17 Uhr haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. Skipper Martin küsst glücklich den Rumpf der ALDEBARAN, die der Crew eine sichere Festung war. Das Bier ist kalt, die Dusche heiß und die Koje nicht weit, sie schwankt ungewohnt wenig und wir fallen abends früh in einen komaartigen Schlaf.


Donnerstag, 14. September 2006
Die Navigation ist hier bedeutend einfacher geworden, vor uns liegt der große Atlantik und der Schiffsverkehr ist gering. Trotzdem erfolgt stündlich der Positionseintrag in Logbuch und Seekarte, ebenso der Blick in prädestinierte Ecken des Schiffes, um eventuell aufgetretene Schäden schnell zu entdecken. Über Satellit erhalten wir zweimal täglich einen Wetterbericht von Meteo-France, es bleibt bei „very rough“, ebenso über Satellit erhalten wir von Klaas aus dem ALDEBARAN-Team mittags die Vorhersagen des DWD per eMail, wodurch uns Modelle mehrerer Wetterinstitute zur Verfügung stehen, eine weitere Vorsichtsmaßnahme in diesem berüchtigten Seegebiet.

Zu Beginn der Reise brauchten wir einige Zeit, um uns an den Wachrhythmus zu gewöhnen, nun wird das Aufstehen wieder härter, weil uns die vergangen Tage in den Knochen stecken und wir auch während der wachfreien Zeit regelmäßig zu „All-Hands“-Manövern an Deck müssen. Man kann zwar fast alles zu zweit machen, aber das ist nicht immer vernünftig, wenn vier Personen an Bord sind. Obwohl wir an unseren körperlichen Reserven kratzen, entschließen wir, die nach wie vor hinreichenden Wettervorhersagen für mehr als das ursprünglich erhoffte Erreichen von La Coruna zu nutzen, weiter zu segeln und auch Kap (Cabo) Finisterre noch zu passieren.


Mittwoch, 13. September 2006
Das Barometer fällt beständig, aber nicht bedrohlich schnell, sondern wie erwartet, da der Trog des zum wie vorgesehen nach Norden abziehenden Sturmtiefs sich bis nach Porto ausgebreitet hat. Erst wenn wir dessen Achse passiert haben, wird der erhoffte Nordwest einsetzen. Das tut er in den späten Abendstunden, wir rauschen bei wieder steigendem Barometer Richtung Südwesten in die Nacht.

Der Wind ist böig und stark, aber selten stürmisch, gelegentlich rundet ein Regenguss das ganze angemessen ab, schließlich sind wir im Herbst in der Biskaya. Alles könnte viel schlimmer sein, das wissen wir genau, also machen wir das Beste aus der Situation und genießen, was ohnehin nicht zu ändern ist. ALDEBARAN scheint es ebenso eilig zu haben, die spanische Sonne zu erreichen, geschmeidig schneidet sie die Wellen und klettert brav die gewaltigen Wasserberge hinauf und hinab, sie folgt gehorsam schon einem sanften Druck auf dem Ruder und scheint dabei vollends in ihrem Element. Obwohl wir nur das nötigste mitgenommen haben, beispielsweise Franks E-Piano, das Schiff trotzdem aber tief im Wasser liegt, ist es agil und schnell.


Dienstag, 12. September 2006
Loctudy, ein Musterbeispiel der wunderschönen Bretagne. Wie vorgesehen nehmen wir Wasser und Diesel. Beim Studieren des Wetterberichtes wird die Entscheidung, den Weg in den Golf anzutreten, nicht einfach: Sie ist nicht gut genug, um frohen Mutes loszufahren, aber auch nicht schlecht genug, um angesichts der im Herbst immer schlechter werdenden Konditionen und unseres kleinen Zeitfensters auf bessere Zeiten zu warten. Es herrscht vollkommene Flaute, Nebel zieht in die Bucht und es entsteht eine beinahe mystische Atmosphäre. Wir rufen im Büro von Meeno Schrader in Kiel an, dem Segelwettergott und meteorologischem Berater vieler Regattaprofis, der uns schon lange mit seinem SMS-System W.I.N.D. unterstützt. Dort wird uns hilfsbereit zum einen ab Donnerstag geeigneter Nordwest-Wind und zum anderen keine Gefahr durch die zur Zeit bedrohlich über den Westatlantik nahenden Sturmtiefs vor Freitag in Aussicht gestellt.

Wir beginnen zu rechnen, wie spät wir losfahren können, um möglichst viel segeln und doch vor Freitag gegebenenfalls in einem sicheren Hafen an der nordspanischen Küste zu sein. Die Entscheidung fällt auf den heutigen Spätnachmittag, denn Meteo-France beschreibt die am Folgetag zu erwartenden Seegangsbedingungen mit „very rough“. Bis dahin wollen wir bereits die Schelfkante passiert haben, an der die Wassertiefe in ca. 60sm Entfernung von der Küste auf kurzer Strecke von kaum über 100m auf über 4000m abfällt, wodurch auflandige Wellen noch unangenehmer werden. Wenige Stunden bleiben uns somit, in denen wir das Schiff seeklar machen, Anker und Spieren sowie weiteres Equipment nochmals festlaschen oder sicher unter Deck stauen. Die Signalmittel für den Seenotfall werden überprüft und der „Grab-Bag“ neu zusammengestellt, falls wir das Schiff zügig verlassen müssen. Es ist unwahrscheinlich, aber auf den Ozeanen schwimmen nicht nur schlafende Wale an der Oberfläche, denen unser metallener Rumpf wahrscheinlich standhalten würde, sondern auch verlorene Container, die nachts erst dann wahrgenommen werden, wenn sie mit Getöse Löcher in das Schiff reißen, die wir mit unseren Bordmitteln ausnahmsweise wahrscheinlich nicht unter Kontrolle bringen würden. Aber auch darauf wären wir nun angemessen vorbereitet, es ist genau besprochen, wer in diesem Fall wo und wie die Rettungsinsel zu Wasser bringen und wer mit welchen Mitteln in Sekunden Seenotalarm auslösen würde. In unserem „Grab-Bag“ sind unsere Papiere, Kompass, GPS, Seekarte, Handfunkgerät, Batterien, Raketen, Lebensmittel, Medikamente… . Wichtigstes Utensil ist aber unsere Notbake, die tagelang mit eigener Stromversorgung und eigenem GPS ihre Position senden und im Seewasser schwimmend sogar eigenhändig Alarm auslösen würde. Um 16 Uhr nehmen wir mit gemischten Gefühlen Kurs auf Kap Finisterre im Nordwesten Spaniens.

Die Sonne versinkt am Horizont, die meiste Zeit lärmt wie befürchtet der Motor, um uns mangels Wind mit der errechneten Mindestgeschwindigkeit voranzubringen. Wie von Beginn der Reise an gehen wir routiniert unsere vierstündigen Seewachen, abwechselnd Caro und Martin, dann wieder Sören und Jens, mittags aber zweistündig, um täglich die Wachzeiten zu tauschen.

Montag, 11. September 2006
Die Kanalinseln haben wir allesamt an Backbord gelassen, um den dort mit an diesem Tag teils über 10kn setzenden Strömungen auszuweichen, heute kommen wir bei immer noch tollen Bedingungen mit großen Schritten weiter Richtung Brest. Wir hoffen, dass uns das Wetter noch einige Tage treu bleibt, denn die größte Hürde in Form der Biskaya-Überquerung steht uns schließlich noch bevor.

Auf dem Weg nach Brest passieren wir eine in nautischer Hinsicht schon seit Jahrhunderten sehr bedeutende Insel: Ushant bzw. Ouessant, früher aus militärischer Sicht für die Briten besonders wichtig, die doch immer wieder gerne den anliegenden wichtigsten Militärhafen der Franzosen in Brest mit einer Seeblockade belegten, während sie heute einen der Start- und Zielpunkte für seglerische Rekordversuche darstellt und Profis wie Ellen MacArthur hier Stammgäste sind.

Auf dem Weg nach Brest passieren wir eine in nautischer Hinsicht schon seit Jahrhunderten sehr bedeutende Insel: Ushant bzw. Ouessant, früher aus militärischer Sicht für die Briten besonders wichtig, die doch immer wieder gerne den anliegenden wichtigsten Militärhafen der Franzosen in Brest mit einer Seeblockade belegten, während sie heute einen der Start- und Zielpunkte für seglerische Rekordversuche darstellt und Profis wie Ellen MacArthur hier Stammgäste sind.

Da wir Brest sehr früh am Morgen erreichen würden, dort demzufolge nicht unmittelbar tanken könnten, wir aber weder auf einen einzigen Tropfen Diesel und Wasser verzichten noch eine einzige Stunde der mitlaufenden Gezeitenströmung verschenken möchten in der Biskaya, entschließen wir uns zur Weiterfahrt nach Loctudy, einige Meilen weiter.

Sonntag, 10. September 2006
Wir queren den Kanal und erreichen gerade noch rechtzeitig vor der erneuten Stromkenterung Cherbourg in der Normandie. Vor der Einfahrt setzt Caro als Lokalmatador stolz die Trikolore.

Im Hafen erwartet uns schon ihre Familie mit frischen Vorräten, die wir in weiser Voraussicht des heutigen Sonntags rechtzeitig bestellt hatten. Sollte der Wind es uns ermöglichen, können wir jetzt direkt bis Spanien segeln, planen tun wir für morgen zunächst aber Brest. Wir erzählen in gemütlicher Runde von den ersten Tagen der Expedition bevor wir uns um 14 Uhr schon wieder auf die Weiterfahrt machen ...

Samstag, 9. September 2006
Wir jagen morgens durch die Straße von Dover, durch den starken Schiffsverkehr ist einer der Mitsegler stets mit der umfangreich an Bord befindlichen elektronischen Navigation beschäftigt. So schlängeln wir uns gefahrlos durch den Verkehr, sind nachts fasziniert von der in der Tat unglaublichen Strömung, die trotz der Fahrt von 6kn (11km/h) relativ zum uns umgebenden Wasser doch in der Gegenrichtung stattfindet, als würde man zu langsam auf einem Laufband rennen…
Freitag, 8. September 2006
Am nächsten Morgen hat der Wind abgenommen, wir bunkern noch mal Diesel und machen uns auf die Reise Richtung England. Der Wind bleibt uns treu, wir segeln mit hohen Geschwindigkeiten auf die Straßen von Dover zu. Wir nehmen aber an, dass die Elektronik uns einen Streich gespielt hat mit der Angabe der Maximalgeschwindigkeit…

Die Passage des Kanals ist an diesem Wochenende durch die außergewöhnliche Stellung von Sonne, Mond und Erde zueinander besonders anspruchsvoll, es werden die höchsten Strömungsgeschwindigkeiten des Jahres erzielt. Dabei prallen Wind und Strom regelmäßig aufeinander und produzieren einen heftigen Seegang. Wir haben Glück, der Wind ist nicht zu stark und die Fahrt nicht zu ungemütlich.



Mittwoch, 6. September 2006
Nach einigen Motorstunden entwickelt sich der Schlag nach Ijmuiden bei Amsterdam zur rauschenden Segelfahrt. Gesichert mit einer Leine nehmen wieder mehrere Mitsegler die Möglichkeit wahr, auf der Plattform der Aldebaran eine Dusche zu nehmen.

In Ijmuiden werden wir von der dortigen Bootsaustellung überrascht. Der Hafen ist restlos überfüllt, wir müssen bei kräftigem Wind zentimetergenau auf den uns zugewiesen Platz navigieren. Hier verlässt uns schließlich unser treuer Mitsegler Uli, die Arbeit im Büro erlaubt keine weiteren Tage an Bord. Mit ihm verlieren wir einen wunderbaren Bordkameraden, gewinnen aber wenige Stunden später mit Jens einen ebenfalls sehr erfahrenen Mitstreiter für die anspruchsvolle Etappe. Da wir mittlerweile restlos zugeparkt sind, nutzen wir die Gunst der Stunde, genießen den Abend [B4] und schlafen uns bis zum nächsten Morgen aus.

Montag, 4. September 2006
Am Folgetag stellt sich auf der weiteren Reise in Richtung Elbmündung dann schon fast Bordroutine ein. Dabei ähneln die Bedingungen sehr denen des Vortages: Die Windspitzen sind allerdings noch etwas heftiger, über 40kn, also deutlich über 80 Stundenkilometer bzw. satte 8 Beaufort aus westlichen Richtungen, in denen wir mit der Elbströmung unterwegs sind. Das bedeutet auf den letzten Meilen, dass Wind und Strömung in entgegengesetzte Richtungen arbeiten und dem Wind hier nun reichlich Angriffsfläche zur Verfügung steht, um einen heftigen Seegang zu erzeugen. Wir werden schließlich gezwungen, in Brunsbüttel Halt zu machen, da wir durch die Wetterbedingungen viel langsamer voran kommen als erhofft. Der mittlerweile neben uns liegende Segler, der mit dem Wind aus Helgoland gekommen ist, berichtete von großen Sturzseen auf diesem Abschnitt und wir sind mit unserer Entscheidung zufrieden. Für die kommenden Tage wird zumindest eine vorübergehende Wetterberuhigung erwartet und wir hoffen, bis zum Wochenende in Amsterdam zu sein...

Dienstag, 5. September 2006
Die ALDEBARAN setzt ihre Fahrt nach Cuxhaven fort wo noch einige restlichen Ausrüstungsgegenstände postlagernd auf die Crew warten. Wenn möglich soll es noch während derselben Tide weiter gehen, damit das Schiff noch kurz vor angekündigten Stürmen durch den berüchtigten englischen Kanal schwimmt. . Eine Sache macht der Crew jedoch noch zu schaffen: Nach dem Auslaufen in Hamburg war aufgefallen, dass der neue Motor nicht seine Solldrehzahl erreicht. Alle möglichen Fehlerquellen werden überprüft. Sind die Dieselfilter verstopft?, Ist die Luftzufuhr ausreichend? Hat die ALDEBARAN etwas im Propeller? Nach mehreren Stunden wird der Grund gefunden. Das neue Getriebe hat trotz richtigem Typenschild die falsche Übersetzung. Das ist zwar nicht optimal, aber auch zunächst kein größeres Problem. Auf der Fahrt nach Cuxhaven werden zu ersten Mal die Segel gesetzt und der Motor verstummt. Ein tolles Gefühl. Obligatorisch am Beginn einer Reise: Wir trainieren das „Mann über Bord“-Mannöver. Um 23:00 verlässt die Aldebaran Cuxhaven auch schon wieder, aus der Elbe hinaus und in Nacht hinein. Kurs Amsterdam.
Sonntag, 3. September 2006

Überseebrücke Hamburg. Das Abenteuer beginnt. Um 18:00 Uhr werden die Leinen losgeworfen und die ALDEBARAN startet zur großen Karibikexpedition 2006/07. Der ursprünglich anvisierte Abfahrtstermin war nicht zuletzt durch den Wetterbericht um einige Stunden verzögert worden, hatte jedoch auch noch ganz andere Ursachen.... .

Rückblick: Im Zuge der groß angelegten Expedition war die Entscheidung für eine neue Hauptmaschine gefallen, da die ALDEBARAN fern jeglicher Zivilisation arbeiten und vollkommen auf dieses Herzstück ihrer Energieversorgung angewiesen sein wird. Durch das Engagement diverser Mitarbeiter des Mercedes Truck Stop in Harburg war es möglich geworden, den aufwendigen Um- und Einbau innerhalb weniger Tage durchzuführen. Am Vorabend der für die Expedition einberufenen Pressekonferenz an der Überseebrücke in Hamburg schwebte der Motor schließlich an einem Autokran der Firma Seeland über die Pier und tauchte in den Bauch der ALDEBARAN ein, wo er einige Stunden später um 04:15 Uhr morgens erstmals zum Leben erwachte.

Nach den Restarbeiten bis 06:00 Uhr blieb der Crew somit noch eine ganze Stunde, bis das Schiff mit neuem Antrieb von Harburg zur Überseebrücke aufbrechen musste, was problemlos durchgeführt werden konnte. Die nach der Konferenz angedachten Stau- und Proviantierungsarbeiten verzögerten sich dann allerdings wieder einige Stunden, da der auf der Überseebrücke geparkte PKW von ALDEBARAN-Initiator Frank Schweikert plötzlich Sehnsucht nach Meer verspürt haben muss, sich mit geöffneter Seitentür herrenlos in Bewegung setzte und nach wenigen Sekunden vor dem Bug der ALDEBARAN in der Elbe schwamm, wo er nach weiteren wenigen Sekunden versank. Glücklicherweise gelang es der herbeigeeilten Crew in letzter Sekunde noch, an der Anhängekupplung eine starke Leine zu befestigen, an der das Fahrzeug nun knapp unter der Wasseroberfläche auf bessere Zeiten wartete. Innerhalb weniger Minuten waren Heerscharen von Polizei, Feuerwehren und Rettungsdiensten vor Ort, boten für für uns nicht finanzierbare Summen ihre Hilfe bei der Bergung an und erwarteten im Anschluss gespannt das weitere Geschehen, da wir beschlossen hatten, mit dem uns an Bord zur Verfügung stehenden reichhaltigen Material selbst Hand an zu legen. Es dauerte zwar eine Weile, aber nach gut 2 Stunden hatte das Auto wieder relativ festen Boden unter den Füßen...

An Nachtschichten waren wir nun bereits seit vielen Tagen gewöhnt, die Präferenzen hinsichtlich für die Expedition dringend an Bord benötigter Utensilien waren allerdings sehr unterschiedlich und mündeten in einer organisatorischen und logistsichen Meisterleistung, die allerdings wieder viel Zeit in Anspruch nahm.

Nichtsdestotrotz, alle Hürden wurden genommen und der wichtigste Schritt ist getan, das Schiff ist unterwegs.

Schon wenige Minuten nach der Abfahrt sieht man Skipper Martin bereits ins Ölzeug schlüpfen und weitere Crewmitglieder folgen dem Beispiel. Nicht ohne Grund, denn kurz darauf sieht man eine Sturmbö auf uns zujagen.

Die Sicht reduziert sich in sintflutartigem Regen sofort auf wenige Meter. Nach wenigen Minuten ist der Spuk zunächst vorbei, wiederholt sich aber auf der kurzen Etappe nach Wedel noch einmal.

Dafür werden wir im Anschluss belohnt mit einem traumhaften Sonnenuntergang auf der Elbe
und am Fährhaus in Schulau werden wir festlich bei der Vorbeifahrt mit Musik, Ansprache und gedippter Flagge verabschiedet in Richtung See. In Wedel angekommen wird allerdings dann schon wieder bis spät in die Nacht an letzten Feinheiten der Navigations- und Kommunikationsanlage gefeilt.


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