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Dienstag, 24. Oktober 2006

Die verschiedenen Inseln des Archipels sind sehr, sehr unterschiedlich, aber darauf waren wir vorbereitet. Mittlerweile sind wir seit einigen Tagen in Las Palmas de Gran Canaria, vorher haben wir wie vorgesehen die Inseln Graciosa und Lanzarote besucht. Graciosa, diese kleine Insel, haben wir besonders ins Herz geschlossen. Obwohl der Tourismus auch hier Einzug erhalten hat, sind die Folgen noch überschaubar und nicht ausgeufert in Form erschreckender Bettenburgen. Einen Liegeplatz zu ergattern ist schwierig, in dem kleinen Hafen werden die wenigen Plätze von Dauerliegern aus aller Welt belegt, die auf das Ende der Wirbelsturmsaison und die nachfolgende Atlantiküberquerung warten und die unschlagbar günstigen finanziellen Konditionen dieses sicheren, einsamen Hafens auskosten. Wir haben Glück, zwischen den Fischern finden wir einen Platz, schnell wird Eis organisiert um das Ende der Überfahrt zu feiern. Da Caro jede Gelegenheit für ein Bad in den angenehm temperierten Fluten nutzt, wird ihr der Drink sogar ins Wasser serviert…

Dem Dosenfutter können wir trotz Wochenende dank geöffnetem Supermarkt abschwören und so brutzelt schon bald darauf Fisch in unserer Pfanne. Die Insel selbst zeigt bei der näheren Betrachtung sofort die Nähe zu Afrika auf, zugleich hat man den Eindruck, dass ähnlich den legendären afrikanischen Elefantenfriedhöfen alle Land-Rover der Welt sich auf dieser Insel zum Sterben zurückziehen, außer diesem Typ sieht man keine Fahrzeuge auf der Insel, diese aber in aller Variationen und alle unendlich alt.

Wir brechen am nächsten Tag auf, um die Ostküste von Lanzarote hinabzusegeln, beim Passieren der Mole steigt unser Segel bereits auf und wir können uns bei nahezu keinem Seegang nach Süden vorarbeiten, wobei der allgemein schwache, aber böige Wind aus an jeder Ecke wechselnden Richtungen kommt, dadurch hat keiner an Bord Gelegenheit, sich zu langweilen. Bei Sonnenuntergang schließlich schläft der Wind vollständig ein und wir erleben ein weiteres Mal eine an Öl erinnernde Wasseroberfläche. Die letzten Meilen schiebt folglich wieder die eiserne Genua, so dass wir gegen 22:30 Uhr Puerto Calero erreichen.



Den nächsten Tag erklären wir zum Hafentag, um der Crew einen Landgang auf Lanzarote zu ermöglichen. Im Unterschied zu Graciosa und auch Gran Canaria fällt uns die dunkle Farbe der Oberfläche auf. Caro und Martin wollen ein Fahrzeug organisieren, während der Rest zu Fuß aufbricht. Die Suche nach einer geöffneten Mietstation endet vor dem Schild mit den Öffnungszeiten, wir sind wenige Minuten zu spät, Siesta bis 17 Uhr! Der Versuch, in die angrenzende größere Stadt zu trampen, ist nach wenigen Minuten erfolgreich, in einem offenen Jeep nehmen uns die hier vor 20 Jahren gestrandeten Halbamerikaner, Halbbriten Ronnie und Tony mit, aufgrund der aber überall geschlossenen Mietstationen schleppen sie uns direkt in ihre Bar. Di beiden Angelverrückten sind auf der Insel berühmt-berüchtigt, soviel ist klar. Wir haben viel Spaß, das muss man zugeben und da Martin sämtliche Drinks der als spätere Fahrerin ausgerufenen Caro mittrinken muss, wird es ein umso lustigerer Nachmittag, an dem wir schließlich keinen Mietwagen mehr nehmen, sondern mit vielen verschiedenen netten Menschen quer über die Insel trampen. Bemerkenswert sind vor allem die Versuche, auf dieser Insel Wein in mühevoll errichteten Bodenlöchern anzubauen.

Schließlich machen wir uns am Folgetag auf die Weiterreise, spielen zunächst noch mit dem Gedanken, auf Fuerteventura beim herrschenden Südwest-Wind einen Zwischenstopp zumachen, geben diesen aber aufgrund der weiteren Wetterprognosen auf, die Flauten versprechen. Dann wollen wir lieber kreuzen und haben viel Spaß in der Düse zwischen den Inseln, wo der Wind zulegt und wir eine andere, wesentlich größere deutsche Yacht nach allen Regeln der Kunst ordentlich abgurken.

Als wir schließlich freien Seeraum erreichen, erreicht uns auch der von den weit nördlich vorbeiziehenden Sturmtiefs angeschobene Schwell, bei immer schwächer werdendem Wind eiern wir gewaltig hin und her und erleben das besondere Vergnügen alter See. Hans-Werner erweist sich als hervorragender Seekoch und versorgt die Crew, während an Deck beim zumindest statistisch hier höchst unwahrscheinlichen Regen Thomas in komplettem Ölzeug und Matthias in kurzer Hose und T-Shirt zwei grundsätzlich unterschiedliche Wettertaktiken anwenden.

Schließlich sind alle wieder eingeschaukelt und die Kombüse erfreut sich wieder größerer Beliebtheit. Die letzten noch vorhandenen deutschen Konserven kommen unter den Hammer, noch einmal Gulasch mit Knödeln und Rotkraut, bevor die tropische Zeit eingeläutet wird!

Nachts beschäftigt uns noch ein manövrierunfähig herumtreibender Schleppverband gewaltigen Ausmaßes, bevor wir am Folgetag Las Palmas de Gran Canaria erreichen. Nach einigem Hin und Her erhalten wir auch einen Liegeplatz im Hafen, wenige Wochen vor der hier startenden Amateurregatta über den Atlantik ARC absolut keine Selbstverständlichkeit. Für Martin schließt sich ein fast siebenjähriger Kreis über den Nordatlantik, von Gran Canaria war er im November 1999 auf der MUSTIQUE in die Karibik nach St. Lucia gestartet, dann mit der SAGITARIUS nach Martinique gesegelt, zurück nach Europa und im Frühjahr 2001 wieder nach Martinique geflogen, um auf der IRIS quer durch die Antillen und schließlich über die Azoren zurückzukehren ins Mittelmeer. Das fehlende Stück von Südwesteuropa auf die Kanaren ist somit also auf dieser Etappe mit der ALDEBARAN endlich absolviert worden!

Mit einem Mietwagen geht es kreuz und quer über die Insel, wie gesagt ist die Atmosphäre hier beeinflusst durch die Horden von Touristen und entsprechenden Bettenburgen nicht zu vergleichen mit Lanzarote, schon gar nicht mit Graciosa. In Maspalomas stapfen wir durch die Dünenlandschaft, bevor unser kleines Auto von unserem Hobbyrennfahrer Matthias die Serpentinen hinauf in die Berge und wieder hinab gequält wird.

Im Hafen pflegen wir die Tradition von Las Palmas auf den Kanaren sowie Horta auf den Azoren, indem wir auf der erst am Vortag frisch gestrichenen Hafenmauer mit ausdrücklicher Genehmigung der Hafenbehörde unser Logo anbringen. In wenigen Wochen, kurz vor dem Start der ARC, wird es schon wieder schwer werden, hier einen freien Flecken zu finden!



Seit dem Erreichen der Kanaren wird die Regel des Schuhwechsels beim Betreten des Schiffes aus einem zusätzlichen Grund eisern eingehalten: Es krabbelt hier, und zwar nicht zu knapp. Riesige Kakerlaken begegnen uns, wobei die größten noch am einfachsten auszumerzen sind, eben aufgrund ihrer Körpermaße. Eine einzige nachts unbemerkt zu zertreten und ihre Eier in den Schuhsohlen anschließend an Bord zu tragen kann den Beginn der Insektenschlacht bedeuten, den wir so lange wie möglich vor uns herschieben wollen. Bei der Rückkehr vom Abschiedsessen sichten wir die erste beim Erkrabbeln unserer Achterleine, Martin stürzt sich mit dem Bootshaken auf das Untier und drückt es unter Wasser, bis es zuverlässig das Zeitliche gesegnet hat und vom nächsten Fisch als Snack genossen werden kann.

Was bleibt, ist das abschließende Großreinschiff, wir schrubben lange an und unter Deck und in den unzugänglichsten Ecken schließlich sogar mit der Zahnbürste, bis sie wieder so glänzt, wie wir uns das vorstellen. Teilen der Crew fiel das nicht ganz so leicht, weil die an drei Tagen pro Woche unmittelbar hinter dem Schiff gelegene und bis 5 Uhr morgens lärmende Open Air Disco den einen oder anderen von Bord gelockt und bis Sonnenaufgang nicht wieder losgelassen hat…



Schließlich endet der Törn und unsere Mitsegler verlassen uns in Richtung Deutschland. In langen Hosen, den Pullover im Arm…. . Schön war es, da sind sich alle einig!


Sonntag, 15. Oktober 2006

Es ist noch keine Atlantiküberquerung, aber auch die hinter uns liegenden über 500 Seemeilen seit Lagos bis Lanzarote sind kein Katzensprung. Seit heute morgen sehen wir Alegranza, nördlich von Lanzarote, vor uns aus dem Atlantik ragen.

Die Fahrt nach Lagos war angenehm, wir mussten uns zwar mit Maschine weit aus dem hafen schieben, um endlich Wind zu finden, konnten dann aber bis kurz vor Mitternacht unter Spi die Küste entlang rauschen, wo wir mit Cabo Sao Vicente schließlich den südwestlichsten Punkt Europas passierten.

Die Küste der Algarve hält durchaus, was sie verspricht, jedenfalls von Seeseite. Lagos selbst ist dann doch eher „touristisch erschlossen“. Der nahe Großmarkt ermöglichte ein einfaches Aufstocken unserer Vorräte für die längere Fahrt in Richtung Madeira bzw. Kanaren und so wäre bei der guten kurzfristigen Wettervorhersage eigentlich alles bestens gewesen, wäre da nicht auch die Prognose für die Folgetage gewesen. Die Versprach, dass mangels Azorenhoch Madeira zur Einflugschneise atlantischer Tiefdruckgebiete werden sollte, von denen zwar keines besonders bedrohlich erschien, aber alle eines gemeinsam haben: Gegenwind mit Regenböen und somit deutliche Verlängerung der sonst gewöhnlich schnellen Überfahrt mit typischem Rückenwind.

Wir hatten aber Sonne gebucht, diese Bedingungen wollten wir in der Biskaya eigentlich abgelegt haben. Auf besseres Wetter zu warten war eigentlich auch keine Option, ähnlich wie vor der Biskayaüberquerung hätten wir uns wahrscheinlich mindestens eine Woche an die Algarve gefesselt, im Unterschied zur Biskaya aber mit einer größeren Wahrscheinlichkeit auf im Anschluss zwar bessere Bedingungen, aber einen wesentlich knapperen Zeitplan. Wiederum mit gemischten Gefühlen in Martins Magengrube beschlossen wir also, in den guten Anfangsstunden das Beste aus der Situation zu machen, auszulaufen und am Folgetag mit den neusten Wetteraussichten nochmals über die Route zu beraten. Bis dahin wählten wir mit Kurs auf Teneriffa einen Mittelweg aus Madeira im Nordwesten und Lanzarote im Südosten. Wir verließen Lagos mittags in dichtem Nebel, der aber schon bald vom einsetzenden Nordwind fortgeweht wurde. Mit hoher Geschwindigkeit jagten wir bei nicht geringem Seegang in die erste Nacht.

Am Folgetag wurde sowohl der Wind als auch Seegang deutlich weniger, die Wetteraussichten aber nicht wesentlich besser für die Fahrt nach Madeira. Warum also nach Madeira fahren, wenn die Chance besteht, für die südlicher gelegenen Kanaren wesentlich besseres Wetter zu haben? Kurzum: Wir entschieden uns für Lanzarote, mit dem angesagten südwestlichen Wind bestünde die Möglichkeit, diese Insel ohne großes Aufkreuzen zu erreichen und zugleich die Tiefs wesentlich weiter im Norden passieren zu lassen. Wir probierten verschiedene Segelvariationen für den inzwischen fast von hinten einfallenden Wind aus, bis dieser am nächsten Morgen nahezu einschlief.


Gut, also wollten wir dem Südwestwind langsam entgegendieseln, erreicht hat er uns aber nie. Das schlechte daran ist die laufende Maschine, das gute die ansonsten hervorragenden sommerlichen Verhältnisse, die Wassertemperaturen waren vor dem Erreichen des von Norden setzenden Kanarenstroms auf 23 Grad geklettert bei nahezu wolkenlosem Himmel und über 30 Grad Lufttemperatur, außerdem wurden wir besucht von Wasserschildkröten, Delphinen und Walen, zu denen die mutigeren unserer Mitsegler in die Fluten sprangen. Letztlich nutzen wir die hierzu gut geeigneten Bedingungen auch für eine Einführung in astronomische Navigation und die unkomplizierten Nachtwachen zum Lesen, während wir tagsüber wie immer bestrebt waren, irgend etwas am Schiff zu optimieren.

Nun steuern wir also auf Lanzarote zu, wahrscheinlich werden wir den ersten Hafen La Sociedad auf der direkt nördlich davon gelegenen kleinen Insel Graciosa anlaufen, bevor wir in den nächsten Tagen der Küste folgen und schließlich hinüber nach Gran Canaria segeln.
Samstag, 7. Oktober 2006

Leider war die geplante Weiterfahrt nach Lissabon wetterbedingt zuerst nicht möglich. Dienstags unternahmen wir mit Björn nochmals den Versuch, Porto endlich zu verlassen, den wir aus verschiedenen Gründen aber wieder aufgeben mussten. An diesem Tag fiel das Umkehren ungewohnt leicht, denn die Stimmung und Motivation zur Seefahrt der Segler war an diesem Tag merklich gedämpft: Nachts hatte eine spanische Yacht die Hafeneinfahrt verfehlt und war auf den Felsen aufgerieben worden, ein tragischer Unfall. Somit leiteten wir den Transfer der uns am nächsten Tag in Lissabon erwartenden neuen Crew in Richtung Porto ein und nutzen den Tag, um am Schiff zu arbeiten. Schwer fiel es uns, all den auslaufenden Schiffen nachzusehen, insbesondere unseren Nachbarn von der holländischen Segelyacht Orca, mit denen wir ein paar Tage im Hafen von Porto verbracht hatten.

Mit unseren abends schließlich eingetroffenen neuen Mitseglern sind wir dann ein weiteres und letztes Mal ins legendäre „A Knaipa“ gegangen, einem sehr rustikalen Laden mit unglaublich nettem Wirt, der auf seinem Holzkohlengrill die besten Sardinen der Welt grillt.

Wir hatten viel Spaß und verließen in Folge dessen den Hafen am nächsten Tag ein paar Stunden später als vorgesehen, was durch die herrschende Flaute aber unerheblich war. Nachmittags bekamen wir dann Wind und konnten endlich zum ersten Mal die Segel wieder setzen. Erwähnenswert ist sicherlich noch die landestypische Verpflegung des Tages: Hanseatenlabskaus mit Rollmops an der portugiesischen Küste.

Freitags erreichten wir schließlich Lissabon, bzw. den angrenzenden Hafen von Cascais, wo nächstes Jahr die Segelweltmeisterschaften ausgetragen werden.

Wir beschlossen, die Schiffsarbeiten im Wesentlichen sonntags abzuarbeiten und erkundeten samstags Lissabon, bevor wir uns zum karibischen Abend wieder an Bord trafen.

Seit wir hier sind, können wir auch zu jeder Tageszeit draußen essen, wir haben nachmittags Temperaturen von über 30 bei Wassertemperaturen von knapp 20 Grad. Heute haben wir dann wie vorgesehen den Flautentag u.a. genutzt, um unsere Passatsegel vorzubereiten, die wir morgen auf dem weiteren Weg nach Süden hoffentlich werden testen können. Morgen werden wir Cascais verlassen, wahrscheinlich noch bis Dienstag der Küste Richtung Lagos folgen, um Mitte der Woche dann mit dem bis dann erhofften nördlichen Wind abzuspringen nach Madeira.


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