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Januar 2007

Von Boca Chica in der Nähe von Santo Domingo bis zum ersten Hafen Kubas liegen vierhundert Seemeilen vor uns. Kontakt zur Außenwelt haben wir über unsere Kurzwellenstation an Bord. Zweimal täglich empfangen wir die neuesten Wetterkarten des amerikanischen Hurricane-Centers. Für uns sind die Nachrichten im Augenblick ganz wichtig, da wir gerade unsere Lage analysieren und an Haiti vorbeikommen müssen. Aufgrund des dort tobenden Bürgerkrieges wollen wir dort auf gar keinen Fall an Land gehen müssen. Das heißt aber für uns auch, dass es, sobald wir Santo Domingo hinter uns gelassen haben, kein Zurück gibt, nicht zu vergessen der ostwärts wehende Passatwind.
Noch einmal wird die ALDEBARAN verproviantiert und alle technischen Einrichtungen werden gecheckt. Am Nachmittag des zweiten Januar 2007 stechen wir dann endlich in See. Wir mussten zuvor noch auf die aus den USA eingeflogenen Unterwassergehäuse warten, die beim dominikanischen Zoll lagen.
Es war dann leider gar nicht so einfach voranzukommen. Eine aufgewühlte See und bis zu vier Meter hohe Wellen machten uns Tag und Nacht zu schaffen. Die ALDEBARAN war ein kleiner Spielball auf den Wellen. Wir versuchten uns tapfer, trotz Seekrankheit, an die Wachzeiten zu halten. Zwei Personen sollten auf jeden Fall immer an Deck sein und Ausschau halten.
Im Gegensatz dazu waren die Sonnenauf- und Untergänge traumhaft. Der Sternenhimmel blieb ungetrübt und wir machten teilweise bis zu sieben Knoten Fahrt, schneller als wir annahmen. So erreichten wir drei Tage später Santiago de Cuba an Kubas Südküste. Bei Sonnenuntergang sahen wir bereits Land und auf der Suche nach geeigneten Telefonnetzen orteten wir sogar zwei amerikanische Netze der Festung Guantanamo Bay. Die amerikanische Küstenwache hatte uns bereits auf hoher See freundlich angesprochen und nach unserem Kurs gefragt.

Bald war es stockdunkle Nacht und die gesamte Crew half an Deck, um nach Santiago zu finden. Mit Radar, Ausguck, mehreren Seekarten und einem Hafenführer tasteten wir uns dann langsam der kubanische Küste entlang, bis wir auf der Höhe unseres Einklarierungshafens ankamen. Per Funk informierten wir die Behörden über unser Einlaufen und alles ging sehr freundlich von statten. Wir durften in der Marina Marlin an einem Betonsteg festmachen, jedoch durfte keiner das Schiff verlassen bevor nicht am darauf folgenden Tag alle Einklarierungsformalitäten erledigt waren.
Die kubanischen Behörden kamen mit 17 Beamten an Bord, durchsuchten das Schiff, fragten nach Funkgeräten und technischem Equipment und untersuchten peinlich genau alle Lebensmittel auf Spuren von Schädlingen, die wir möglicherweise hätten einschleppen können. Liebevoll wurden alle Funkgeräte, Satelliten-Navigatoren und Seenotsignale in einer Stofftasche mit kubanischem Zollband versiegelt. Wir akzeptierten das Vorgehen mit einem Lächeln, da die Geräte in unserem Zugriff an Bord bleiben durften.
Alle waren freundlich und hilfsbereit. Jede Amtshandlung wurde feierlich mit einem neuen Stempel vollzogen und kostete einige Dollar. Zunächst mussten wir aber unsere Euro in die kubanische Transferwährung wechseln, die einzige Währung, die von staatlichen Stellen akzeptiert werden durfte, von einigen kleineren Ausnahmen selbstverständlich abgesehen.
In Santiago hielten wir vergeblich Ausschau nach Seglern, die das Revier, das wir nun in Richtung Osten befahren wollten, kannten. So machten wir uns mit unseren elektronischen und Papierkarten Gedanken, wie wir am besten durch das Korallenwatt zwischen Santiago de Cuba und Trinidad navigieren.

Mit unserem erfahrenen Wattensegler Klaas und der Möglichkeit an Bord der ALDEBARAN Schwert und Ruder zu hieven, wagten wir das Abenteuer. So ankerten wir in der ersten Nacht direkt vor einer unbekannten Mangroveninsel, was recht mysteriös war. Kein Licht, keine Menschen, möglicherweise Krokodile, daher verzichteten wir auf den abendlichen Sprung ins erfrischende Meer und genossen bei einem wunderbaren Abendessen mit selbst gebackenen Brot die gute Stimmung an Bord.
In den kommenden Tagen navigierten wir so von Mangroveninsel zu Mangroveninsel. Ab und zu tauchte am Horizont ein kleines Fischerboot auf, ab und zu gab es auch die eine oder andere, auf der Seekarte eingezeichnete, Tonne. Aber eben nicht immer, so war ständig hohe Aufmerksamkeit geboten.
Auf einer der Inseln gingen wir dann an Land. Der Sandstrand sah so Vertrauens erweckend aus, dass wir einen Blick riskierten. Außer ein paar Fußspuren einiger Vögel und Ratten gab es aber keine Lebenszeichen.

Der Wind wurde stärker und so fegten wir mit Geschwindigkeiten von über 8 Knoten durch das flache Wasser. Eine interessante Begegnung hatten wir mit einem Fischerboot. Die drei Fischer waren uns aufgefallen, da sie ständig am Wasserschöpfen waren, aber das schienen wohl die normalen kubanischen Verhältnisse zu sein. Wir fragten nach Fisch und bekamen sofort einen Eimer voll frisch gefangener Hummer. Eine willkommene Abwechslung im Speiseplan. Als Gegenleistung verlangten die Fischer keine Unmengen von Geld, sondern zeigten auf unseren kleinen Reservekanister mit Benzin. Man einigte sich schnell und so zogen die drei glücklich und Wasser schöpfend über das türkisblaue Meer von dannen. Beim Abschied warnten sie uns aber noch in den Mangroven an Land zu gehen. Ob es dort wirklich viele Krokodile gab, oder der Staat etwas dagegen hatte?
Unser Fischen war auch von Erfolg gekrönt. Beim Angeln mit unserer Schleppangel fingen wir einen großen Barracuda nach dem anderen. Wir ließen aber alle wieder frei, da wir uns nicht sicher waren, ob sie genießbar sind oder nicht. Über Kurzwelle fragten wir im Hamburger Büro nach. Tatsächlich gibt es ein Algengift, das die Raubfische im Körper sammeln und somit der Verzehr lebensbedrohend sein kann.
Am Horizont bemerkten wir riesige Rauchschwaden. Irgendwo wurden Treibhausgase in die Atmosphäre gepustet und Feuer brannten unkontrolliert. Gegen Abend einigten wir uns wieder auf einen Ankerplatz, dieses Mal nicht im Windschatten einer Mangroveninsel, sondern in einer Bucht am Festland. Schon beim Ansteuern sahen wir die slumähnlichen Behausungen. Unsere Ankunft blieb nicht lange geheim. Immer mehr Menschen versammelten sich am Ufer und begannen zu winken und zu singen. Wir waren definitiv in eine der einsamsten Regionen der Karibik vorgedrungen und für die Bevölkerung eine absolute Sehenswürdigkeit. Die Freude der Menschen über unseren Besuch hielt nicht lange an. Nachdem der Anker in etwa 200 Meter Entfernung vom Ufer gefallen war, machte sich ein motorisierter Holzkahn mit drei Menschen in unsere Richtung auf. Einer der Männer sprach uns in gebrochenem Englisch an und erklärte uns, dass wir hier nicht bleiben dürften. Der zweite hielt das Steuer und den wackeligen Motor am Laufen. Der dritte war damit beschäftigt das Benzin in die Maschine zu füllen.
Wir hielten es für besser die Anweisung zu befolgen und holten den Anker auf. Durch Engstellen tasteten wir uns mit Scheinwerfern durch die dunkle Nacht und ankerten drei Stunden später wieder unbeobachtet im Schutz einer Mangroveninsel, bevor wir am darauf folgenden Tag nach Trinidad segelten.
Wie gewohnt versuchten wir per Funk eine Einfahrerlaubnis zu erhalten, aber es meldete sich niemand. Nach mehreren Versuchen erläuterte uns eine sehr brummige Stimme aus dem Lautsprecher, dass uns die dortige Marina zwar willkommen hieß, der Weg dahin aber so schwierig sei, dass wir ihn ohne Begleitboot wohl nicht schaffen würden. Wir setzten unseren Kurs in Richtung Marina dennoch fort, da wir das Navigieren in den flachen Gewässern gewohnt sind und mit großer Umsicht und den Seekarten uns langsam vorantasteten. Kurz vor der Einfahrt kam uns ein staatlicher Helfer mit einem kleinen Dinghi entgegen und begleitete uns die letzten Meter bis zu einer palmbedeckten Hütte, an der wir festmachen durften. Wir waren wieder einmal neben einem französischen und spanischen Boot die einzigen im Hafen.

Unser nächstes Abenteuer war es Strom zu bekommen. Wir versuchten mit einem blanken Kabel den Anschluss an das Landstromnetz. Die Kubaner lächelten ganz amüsierend, als sie uns hantieren sahen, denn Stecker sind in Kuba ohnehin Mangelware und das Anschließen von blanken Kabeln unter Lebensgefahr scheint zum Tagesgeschäft zu gehören.
Nun sollte es endlich an Land gehen. Das barocke Städtchen Trinidad beherbergt einen architektonischen Schatz an Palästen und Herrenhäusern in der Altstadt. Sie zeugen vom Reichtum vergangener Tage. 1988 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt, gehört Trinidad zu den Hauptattraktionen Kubas.

Mit einem über 50 Jahre alten Cadillac ließen wir uns in die Stadt fahren. Uns umgab von der ersten Minute an ein unglaublicher Gestank aus Benzin und Abgasen. Die Strassen waren in Nebelschwaden von diesen ausgestoßenen Giften gehüllt. Hier denkt niemand wirklich an Abgasnormen oder ans Spritsparen.
Die Autos sind aber der ganze Stolz der fahrenden Bevölkerung. Unser Fahrer erzählte uns wie sein Vater den alten Straßenkreuzer vor einem halben Jahrhundert erworben hatte. Nun stellte der Caddy seine gesamte Existenz dar. Die Wagen werden gehegt und gepflegt und bis zum Auseinanderfallen gefahren. Ein Haken hat allerdings die Sache- je älter das Auto, desto unsicherer ist die Ankunft.
Obwohl das Regime von Fidel Castro die Menschen in ihrem Leben sehr einschränkt und das Reisen ins Ausland verboten ist, scheinen die Menschen in Kuba trotzdem ganz glücklich zu sein. Die Lebensfreude hat man der Bevölkerung nicht nehmen können.
Alles wird streng kontrolliert und staatlich überwacht. Niemand wagt es der Regierung zu widersprechen. Die Kubaner sind weit davon entfernt an Klimawandel und Klimaschutz zu denken. Kein Wunder, denn der Gedanke daran, wie sie die Familie in der kommenden Woche ernähren können ist verständlich wichtiger, als jegliche globale Perspektive, die sie ohnehin niemals einschätzen könnten, weil ihnen das Verlassen des Landes nicht erlaubt wird. Das staatliche Fernsehen hält die Bevölkerung mit Unterhaltung und Informationen über die Regierung bei Laune. Informationen aus dem Ausland kommen nur spärlich und wenn gefiltert an. Das Internet darf nur von Touristen jedoch nicht von der einheimischen Bevölkerung genutzt werden, zumindest nicht offiziell.
Wir überlegen wie wir möglicherweise im kommenden Jahr in diesem Land mit unserem wissenschaftlichen Know How helfen können. Es wäre schon gut, wenn wir eine winzige ökologische Einschätzung über die riesigen Sumpflandschaften und die davor gelagerten Riffe bekommen könnten. Unermesslich scheint der Reichtum an Fischen in den vorgelagerten Lagunen und Mangrovenwäldern zu sein, und da kaum zugänglich auch bewahrt vor jeglicher Zerstörung durch den Menschen. Ein Fleckchen Erde, an dem noch alles so zu sein scheint, wie es ursprünglich einmal war.
Nach über viermonatiger Überfahrt hat das Medien- und Forschungsschiff ALDEBARAN am Dienstag die Grenze zu Belize in der Karibik erreicht. Auf der letzten Etappe von Kuba über Mexiko nach Belize begannen schon die ersten täglichen Live-Video Schaltungen ins Hamburger Planetarium. Mit den jeweils neuesten Bildern und Informationen von Bord der ALDEBARAN kamen die Karibik-Impressionen direkt via Satellit nach Hamburg.
Jetzt heißt es sich auf die Drehs und Forschungseinheiten vorzubereiten. Unmittelbar vor den ersten Tauchgängen im Mangrovengebiet von Belize checken wir die komplette Ausrüstung wie beispielsweise die HD-Unterwasserkameras noch einmal durch. Aber auch an Bord muss alles stimmen. Wir freuen uns über das neue Aggregat zur Frischwassererzeugung aus Meerwasser. Damit kann das Schiff auch mehrere Tage lang ohne Landverbindung unterwegs sein. Die Kommunikation von Bord wird über Kurzwelle und Satelliten-Links realisiert.
Ab Cancun (Mexiko), welches auf der Yucatan-Halbinsel liegt, ist das zweitgrößte Wallriff der Welt unser ständiger Begleiter. Es ist wahnsinnig interessant, aber macht gleichzeitig die Fahrt nicht ganz ungefährlich, da die dahinter liegenden Häfen oder Buchten nur durch enge Passagen erreicht werden können.
Im Gegensatz zur Nord- und Ostsee sind die Gewässer von Mexiko und Belize keine Sportbootgewässer und haben dementsprechend nur eine dürftige Infrastruktur. Dennoch sind alle Behörden sehr freundlich und hilfsbereit, auch wenn ihnen die Ausrüstung des Schiffes manchmal ungewöhnlich vorkommt. Die zahlreichen und zunehmenden Begegnungen mit Delfinen in kristallblauem Wasser machen uns neugierig auf die weiteren Abenteuer, die auf unserem Weg zum "Sinking Paradise" liegen.

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