Turneffe Atoll
Der Wind weht konstant aus Ost. Der Passat hat wieder die Überhand gewonnen über die lokalen Wetterverhältnisse und wir verlassen Ambergris Caye zusammen mit Marty O´Farrell, einem Amerikaner, der sich vor einigen Jahren auf der Insel niedergelassen hat und mittlerweile eine Vielzahl von hervorragenden Tauchplätzen kennt. Nach ausgiebigem Training in den letzten Tagen, fahren wir ohne Scheu durch die enge Durchfahrt im Riff aufs offene Meer. Unser Ziel: Das Turneffe Atoll, südöstlich von Ambergris Caye, eines von drei Atollen auf der Nordhalbkugel.
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Die Wellen sind nur knapp anderthalb Meter hoch und wir genießen das Segeln auf der ALDEBARAN bei mäßiger Geschwindigkeit. Nach einigen Stunden erkennen wir am Horizont schon die ersten Palmen und Mangroven, das Innere der Insel. Wir schalten unsere elektronische Seekarte ein, aber wären, wenn sie denn stimmen würde, schon fast mitten auf dem Atoll. Kein Wunder, dass sich auch Berufsschiffe hier immer wieder verfahren und stranden. In unserem Führer lesen wir immer wieder das Wort "Sichtnavigation". In den kommenden Stunden sollen wir erfahren, was das bedeutet.
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Uli klettert mit einem Walkie Talkie in den Mast, um von oben die Korallenblöcke besser sehen zu können. Wir müssen die nur wenige Meter breite Durchfahrt durch das Riff finden. Am Horizont sehen wir weiße Gischt, die sich brechenden Wellen über dem Riff; und eine Schneise, in der wir keine Wellen erkennen. Wir bergen die Segel und tasten uns, nun unter Maschinenantrieb, langsam an die schmale Öffnung heran.
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Das Walkie Talkie quäkt zischend den Steuermann an und ist unsere Verbindung zum Ausguck im Mast. 10 Grad Steuerbord, dann wieder backbord. Es wird flach, der Meeresboden unter der ALDEBARAN liegt nur noch in drei Metern Tiefe. Wir nehmen Schwert und Ruder hoch und verringern so die Tiefe des Schiffes auf knapp einen Meter. Ohne diese besondere Eigenschaft der ALDEBARAN könnte man mit einem Schiff dieser Größe hier überhaupt nicht fahren.
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Es wird noch flacher. Die gesamte Crew ist eingespannt. Ein Ausguck steuerbord, einer auf der Backbordseite, einer im Bug und einer im Mast. Wir beobachten aufmerksam den Meeresboden durch das kristallklare, türkisblaue Wasser. Ein Anblick wie im Paradies, in der Ferne die Palmen und eine kleine Fischersiedlung. Wir hangeln uns von Korallenblock zu Korallenblock, die gut sichtbar ab und zu bis fast unter die Wasseroberfläche ragen.
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Unser Ziel ist ein Ankerplatz beim "Rendezvous Point" im Norden des Turneffe Atolls. Langsam zeigt das Echolot wieder größere Tiefen an, geht jedoch nicht über drei Meter, weshalb wir uns weiterhin vorsichtig bis zu einer großen Sandfläche vor dem Fischercamp vortasten, auf der wir schließlich ankern und uns mit Taucherbrille und Schnorchel bewaffnen und uns in der Umgebung umschauen.
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Draußen am Riff liegt eine Megayacht, deren Crew ebenfalls die Einsamkeit und Schönheit dieser Gegend genießt. Delphine kommen zum Schiff und beobachten uns neugierig. Wir hören sie deutlich atmen, wenn sie nur zwei Meter neben dem Schiff ihre Atemluft aus der kleinen Luftöffnung pressen und für den nächsten Tauchgang wieder tief Luft holen. Sie scheinen zu jagen, denn auf der Oberfläche springen kleine Fische auf der Flucht vor den wunderschönen Jägern. Wir bereiten unsere Tauch- und Kameraausrüstung für den nächsten Tauchgang an der Riffkante vor.
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Wir finden eine weitere Durchfahrt zwischen Riff und der Lagune im Innern des Atolls, die breiter zu sein scheint. Auf 8 Meter Tiefe ankern wir auf einer großen Sandfläche und sind gespannt was wir zu sehen bekommen. Im Niemandsland weit draußen auf dem Ozean lassen wir uns hinunter sinken und befinden uns inmitten von unberührten, wunderschönen bunten Korallenblöcken mit zauberhaften Gorgonien und einer atemberaubenden Vielfalt von schönen Schwämmen, wie wir sie noch nirgendwo vorher gesehen haben.
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Wir tauchen weiter nach Westen und erreichen den Abhang des Atolls, der senkrecht in die Tiefe abfällt. Tiefblaues Wasser, mannshohe Schwämme, Gorgonien, überall wo das Auge hinschaut eine unbeschreibliche Vielfalt. Leider müssen wir auch die Spuren eines Korallensterbens erkennen. Es muss einige Jahre zurückliegen, vermutlich ausgelöst durch den Hurrikan "Keith" der 4. Kategorie, der 1999 Belize traf. Wir tauchen bis auf knapp 40 Meter in den tiefblauen Abgrund und sind überwältigt von der Ruhe und vor allem der Unberührtheit dieser Steilwand.
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Nach der Rückkehr zum sicheren Ankerplatz beobachten wir wieder das Schauspiel der jagenden und spielenden Delphine bis zum Sonnenuntergang.
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Nach einer ungewohnt ruhigen Nacht tasten wir uns durch das Innere des Atolls bis zu einer Stelle vor, an der beim letzten Hurrikan eine Insel einfach weggespült worden sein soll. Fischadler umkreisen die Mangroveninseln, die zum greifen nahe sind. Das Wasser ist immer noch grün bis türkisblau, über den Sandflächen fast weiß. Die Kommandos hallen über das Deck, manchmal läuft die Maschine auch rückwärts, wenn wir uns nicht ganz sicher sind, ob die nächste dunkle Stelle im Wasser auch wirklich noch tief genug für uns ist. Und dann erreichen wir drei Inseln, die nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche liegen, bewachsen mit Palmen und Mangroven.
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Eine vierte Insel fehlt bereits, sie wurde beim letzten Hurrikan weggespült. Nur noch spärliche Überreste sind erkennbar, einige verdorrte Mangrovenwurzeln deuten auf einen früheren Bewuchs hin. Ein alter Mann hat diese Insel bewohnt und mit der Energie eines Windrads Kokosöl gewonnen. Kurz vor Hurrikan "Keith" wurde er evakuiert und fand nach seiner Rückkehr nur noch die Reste seiner Insel vor, die quasi der Meeresoberfläche gleich gemacht wurde. Er baute eine neue Baracke auf der Nachbarinsel auf und lebte dort bis zu seinem Tod im Jahr 2002.
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Wir besuchen das kleine Eiland. Es ist nur halb so groß wie ein Fußballfeld. Eine Holzbaracke mit zwei übereinander liegenden Betten, eine Kochstelle, hunderte von leeren Schneckengehäusen, ein kleiner Bootsanleger, liebevoll zusammengebunden mit Tauresten; es sieht so aus, als ob die Insel erst gestern verlassen worden wäre. Ein "Sinking Paradise" im wahrsten Sinne des Wortes.
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Die Wetterbedingungen bleiben fantastisch, so beschließen wir, das Innere des Atolls durch einen Durchbruch zu verlassen. Die Unterwasserschleppkamera wird eingesetzt, damit wir uns vom Riff einen besseren Eindruck verschaffen und einen guten Tauchplatz finden können. Trotz der guten Wetterverhältnisse ist die Arbeit für die Crew im Labor nicht ganz so einfach. Der Einsatz der Kameras wird immer neu vorbereitet, die Akkus müssen immer rechtzeitig geladen sein, die Gehäuse vor jedem Tauchgang erneut überprüft werden, die Klappe mit der genauen Position ausgefüllt und vorbereitet sein. Alles im allem eine logistische Herausforderung an die gesamte Crew.
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Natürlich werden wir mit jedem Blick durch das Objektiv nachher für den großen Aufwand entschädigt. Dicht bewachsene Korallenrücken wechseln sich mit Sandflächen ab. Wir befinden uns an einem Stück Riff an der Ostseite, das aufgrund der meist aufgewühlten See kaum jemand zu Gesicht bekommt. Wir befestigen das Schiff mit einer Leine an einem Korallenblock, um nicht mit dem Anker das Riff zu zerstören. Wenige Flossenschläge später befinden wir uns erneut über einem tiefblauen Abgrund am Rande des Atolls. Die Wand fällt hier auf knapp einen Kilometer Tiefe senkrecht ab. Wir filmen eine Schildkröte, die sich gemütlich um Nahrung bemüht.
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Direkt nach dem Auftauchen werden die Kameras aus ihren Gehäusen befreit und das aufgenommene Material gesichtet. Die Bänder müssen beschriftet werden, die besten Ausschnitte werden digitalisiert und weiterverarbeitet.
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Wir kümmern uns nun um etwas Essbares und besuchen eine kleine Fischersiedlung auf "Mermaid Island". Eine junge Familie aus Guatemala mit vielen Kindern und zwei Hunden begrüßt uns herzlich und verkauft uns fangfrische Langusten aus einem Wasserbecken am Strand. Über die flache Lagune kehren wir wieder zurück auf die Westseite des Atolls, wo wir einen Nachttauchgang bei besten Bedingungen planen. Wie selbstverständlich begleitet uns eine Schule von Delphinen, als würden sie uns den Weg durch das Riff weisen wollen.
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Wir machen dieses Mal eine ausführlichere Sicherheitseinweisung, denn wir sind weit abseits jeglicher Zivilisation und dürfen kein Risiko eingehen. Wir landen in einer Tiefe von zwanzig Metern in einem Korallengarten und bewundern als erstes wunderschöne Gorgonienhäupter, Verwandte der Seesterne, die in der Nacht auf Beutefang gehen, indem sie ihre weit verzweigten Fangarme in die Strömung halten und warten bis Beute hängen bleibt. Nachts ist die Unterwasserwelt noch vielseitiger, da sich auch scheue Organismen aus ihren Verstecken trauen. Wir bekommen grazile Tintenfische zu sehen, die im Licht unserer Scheinwerfer in den schönsten Farben schimmern und überraschen einen Barracuda beim Jagen.
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Dieses wahrhaftige Paradies am einzigartigen Turneffe Atoll, könnte bei einem Anstieg des Meeresspiegels um nur wenige Zentimeter gefährdet sein. Es sind bereits Mangroveninseln zu sehen, die von der Meeresoberfläche verschwinden, weil die Stürme immer häufiger auftreten und in ihrer Intensität heftiger werden. Der stärkste Klimawandel aller Zeiten zeigt hier schon sein wahres Gesicht. Wir werden diese Bilder einfangen, festhalten und zurückbringen in eine Welt, die immer noch viel zu rücksichtslos mit fossilen Energieträgern wirtschaftet. Unwissend, welchen einzigartigen Lebensraum sie durch Ihr Verhalten unmittelbar zerstört.
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Belize- unsere ersten Tage in San Pedro
Die neue Basis der ALDEBARAN befindet sich im Norden von Belize auf der Halbinsel Ambergris Caye in der alten Fischerstadt San Pedro. Bis zur spanischen Eroberung war die Insel von den Mayas bewohnt, die im Norden der Insel für die Schifffahrt einen Kanal gegraben hatten, der heute die natürliche Grenze zwischen Mexiko und Belize darstellt. Ambergris Caye ist die Insel, die Madonna nicht zu unrecht in ihrem Lied "La Isla Bonita" besungen hat.
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Unser Platz am Holzsteg der Charterfirma TMM liegt zwischen türkisblauem Wasser und dem 400 Meter entfernten zweitgrößten Wallriff der Welt. An keinem anderen Ort der Welt ist man den wundervollen und fast unbeschädigten Korallengärten so nah wie hier. Wassertaxis und Fischerboote rasen zwischen Riff und der Siedlung hin und her und bringen die überwiegend amerikanischen Touristen von Insel zu Insel. Belize ist ein junges Land und genießt erst seit 25 Jahren die Unabhängigkeit vom Commonwealth. Man hört Englisch, Spanisch und ab und zu Kreolisch, ein für Europäer nahezu unverständlicher Mix aus Englischen und dem östlichen Teil der Karibik.
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Die ALDEBARAN liegt auf nur einem Meter Wassertiefe, Schwert und Ruderanlage wurden hoch gepumpt. Wir sind die einzige große Yacht, die wegen dieser technischen Besonderheit überhaupt an den Stegen festmachen kann. Sonst überwiegen hier Katamarane. Rund um das Schiff sehen wir nur glasklares Wasser und intakte Seegraswiesen, in denen sich Jungfische und Rochen in verschiedenen Größen tummeln.
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Bei starkem Ostwind kommt auch ab und zu mal ein Delphin zum Schiff geschwommen, von dem die Einwohner vermuten, dass er aus einem Delphinarium in Guatemala entflohen oder besser gesagt entschwommen ist.
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Nur drei Straßen hat San Pedro. Die erste ist der Strand, der zu Fuß, von Fahrrädern und manchmal auch von kleinen Elektrokarren befahren wird. Selbstverständlich befinden sich hier die zahlreichen Hotels.
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Wer ein bisschen Geld hat, hat abends die Qual der Wahl. In welchem Restaurant soll man sein Bier oder seinen leckeren Fruchtcocktail neben dem sehr schmackhaften karibischen Essen einnehmen?
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Seitdem wir uns bei der nationalen Telefongesellschaft angemeldet haben, wissen wir sogar, dass es für unseren Liegeplatz eine Adresse gibt. TMM Steg, Coconut Drive, eine Hausnummer gibt es nicht. Wäre wohl auch zuviel verlangt.
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Hier findet sich sowieso jeder zurecht. Wenn man nach dem Weg fragt, dann hört man nur "hinter der Bar" oder "gegenüber vom Marktplatz". Verlaufen kann man sich wirklich nicht. Es ist hier sowieso alles viel entspannter, und die Uhren gehen einfach ein bisschen anders und ein wenig langsamer. Für eine Telefonanmeldung lässt man sich schon mal eine halbe Stunde Zeit und wundert sich an der Kasse erstaunt, dass die Rechnung nach Deutschland geschickt werden soll. Wo Deutschland liegt?
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Tja,… jedenfalls weit weg, das wissen sie. Die Band Rammstein ist bekannt, das ist doch schon mal ein Anfang. Der Kassierer findet die Musik gut, versteht aber nichts von dem, was die Band singt. Hat das wirklich immer nur etwas mit der Sprache zu tun?
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Die Telefongesellschaft liegt in der zweiten Straße, der einzigen Geschäftsstraße. Laden neben Laden, dazwischen Bars und Cafés. Jeder verkauft wozu er Lust hat. So findet man beim Juwelier auch schon mal Obst und Gemüse oder Computerteile. Alles muss irgendwie organisiert werden, meist mit dem Wassertaxi aus Belize - und ist etwas heute nicht zu bekommen, könnte es morgen schon hier sein – na ja vielleicht.
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Die zweite Straße ist sogar ab und zu mit Platten gepflastert, jedoch nur ab und zu, sonst blitzt der weiße Korallensand, wenn es nicht gerade regnet, was derzeit wegen des Klimawandels immer häufiger vorkommt. Nichts ist mehr wie es einmal war. Bei Regen sind die Strassen ein einziges Schlammloch, aber niemand stört sich daran.
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Die Gastfreundschaft der Menschen ist auch hier überwältigend. Die ALDEBARAN wird zur Pilgerstätte für Segelbegeisterte. Das wunderschöne gelbe Schiff übt auch von der Ferne eine magische Anziehungskraft aus. Wer uns besucht, ist begeistert, und spätestens die moderne Technik zieht selbst professionelle Segler und Taucher in ihren Bann.
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Für uns sind die logistischen Möglichkeiten dieser Stadt unglaublich. Auch wenn es oberflächlich so aussieht als ob keine Infrastruktur vorhanden sei; wir haben Strom und Wasser und hundert Meter hinter dem Liegeplatz beginnt die Landepiste für die Inselflugzeuge, die die Hauptstadt Belize und einige der Inseln miteinander verbindet. Wir finden einen Bäcker, einen kleinen Supermarkt und einige Internet-Cafés. Es mag vielleicht nicht auf Anhieb klappen, aber mit etwas Improvisationsgeist geht hier alles.
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Nachdem sie von uns gehört haben, wollen nun viele nette und einflussreiche Menschen unsere "Sinking Paradise"-Mission unterstützen. Sogar das Belizische Fischereiministerium ist glücklich über unseren Besuch und kündigt gemeinsame Presseaktionen an. Immerhin hat das kleine Land mit 250.000 Einwohnern zwei Fernsehstationen und legt viel Wert auf eine gute Bildung, besonders wenn es um die Umwelt geht.
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Wir machen unsere ersten Tauchgänge direkt am Wallriff nur einen Steinwurf von unserem Liegeplatz entfernt und sind vollkommen überwältigt von der Schönheit und der Mächtigkeit der Riffe, die wir in dieser Form noch an keinem anderen Ort der Welt gesehen haben. Von San Pedro aus werden wir in den kommenden Wochen unsere Expeditionen hinaus in die Inselwelt der Belizischen Unterwasserwelt starten.
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Auf dem Plan stehen das Lighthouse Riff mit seinem weltbekannten Blue Hole, das Glovers Reef Atoll, das Turneffe Island Atoll und die südlich gelegeneren Inseln des Silk Caye Nationalparks.
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Wir freuen uns schon auf die Abenteuer, die da kommen.
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Chinchorro Bank – auf unserem Weg nach Belize
Eigentlich wollen wir von Mexiko möglichst schnell nach Belize und nur kurz zwischendurch auf einem Atoll fünfzig Kilometer vor der mexikanischen Küste ein letztes Mal Station machen. Eine lange Nachtfahrt mit drehenden Winden, einem verhältnismäßig starken Golfstrom und unangenehm hohen Wellen, bringt uns gen Süden. Unter sternenklarem Himmel begegnen wir einer Vielzahl beleuchteter Kreuzfahrtschiffe. Als wir am Morgen mit dem Fernglas die nördliche Insel Cayo Norte innerhalb des Atolls erkennen, vermissen wir das Licht des gleichnamigen Leuchtfeuers der kleinen Militärstation. Mit Hilfe eines Revierführers und zwei Personen am Ausguck suchen wir den Weg durch die Korallenblöcke in der Nordeinfahrt des Atolls, der so genannten Chinchorro Bank, was übersetzt Hängemattenatoll heißt.
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Mit langsamer Fahrt nähern wir uns einem Ankerplatz vor der Mangroveninsel Cayo Norte. Dank unseres hoch gepumpten Schwertes und Ruders können wir überhaupt erst in diesen Bereich, der nur zwei Meter Tiefe aufweist. Das türkisblaue Wasser über dem Korallensandboden erscheint uns wie ein Traum, aber wir sind zu müde und zu konzentriert um all das wahrzunehmen. Während wir uns vorsichtig weiter herantasten, überfahren wir gemäß unserer elektronischen Seekarte bereits den ersten Leuchtturm und befinden uns theoretisch an Land. Keine Seekarte stimmt hier wirklich, deshalb ist es umso wichtiger, sich vorsichtig und umsichtig zu bewegen, um nicht zu einem der unzähligen Wracks zu werden, die rings herum die Riffkante zieren.
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Nachdem der Anker auf sandigem Grund gut hält, bekommen wir auch gleich Besuch von einem kleinen Boot des Nationalparks, voll besetzt mit freiwilligen Helfern in Tauchausrüstung, die die Riffkante ansteuern wollen, um dort ein Monitoring Programm zu absolvieren. Wir werden nach der Genehmigung gefragt, das Atoll befahren zu dürfen und werden auch gleich vorsichtshalber darauf hingewiesen, dass wir nicht nur vom Nationalpark, sondern auch gleich noch vom Militär Besuch bekommen werden.
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Es scheint hier nur wenige Gäste zu geben, und so werden wir zur willkommenen Attraktion. Kaum hat das Boot der Parkranger längsseits angelegt, springen auch gleich drei Besatzungsmitglieder beherzt bei uns an Bord und fühlen sich offensichtlich gleich wohl. Selbstverständlich haben wir keine Genehmigung und wir wollen ja auch keine, denn eigentlich sollte die Chinchorro Bank nur eine Zwischenstation auf unserem Weg nach Belize sein. Wir stellen die ALDEBARAN und ihre Aufgaben vor. Na ja, wir versuchen es zumindest mit unserem Kauderwelsch-Spanisch und unter kontinuierlichem Einsatzes des Wörterbuchs.
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Wie sich zum Glück bald herausstellt, kann einer der Biologen gut Englisch sprechen und so können wir tatsächlich unsere Projekte einigermaßen erklären. Währenddessen bekommen wir den angekündigten zweiten Besuch an unserer Backbordseite. Fender werden ausgebracht, die Militärbarkasse mit sechs bewaffneten Soldaten legt an und begrüßt uns freundlich. Auch die Soldaten finden großen Gefallen am Schiff, kommen gleich zu dritt an Bord und bringen einen ausführlichen Fragebogen nebst Bedienungsanleitung mit.
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Mit Hilfe der akkuraten Anleitung füllen wir zusammen mit einem Soldaten den Bogen aus und setzen, zur Freude aller Umstehenden, neben jede Unterschrift beherzt einen Schiffsstempel, der das Dokument noch wertvoller werden lässt. Beide Boote verlassen uns dann nach knapp einer Stunde, das Militär natürlich nur nachdem sie sich vergewissert haben, dass wir keine Waffen oder Drogen an Bord haben. Wir dürfen also glücklicherweise eine Nacht hier verbringen und müssen nicht gleich wieder die Segel setzen. Juchhu!
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Jetzt wollen wir eigentlich nur noch ins Bett und uns ausschlafen, doch von Westen her zieht eine ungewöhnlich dunkle Front heran. Auf dem Radar können wir sehen, dass in der Ferne eine Menge Regen niedergeht.
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Wir schließen die Luken und wettern den ersten Sturm vor Anker im Atoll ab. Uns wird klar, dass wir heute sowieso nicht mehr weiterfahren können... Am darauf folgenden Tag besucht uns erneut das Militär am frühen Morgen. Dieses Mal in Zivil. Es dauert einige Minuten bis wir verstehen, dass sie eigentlich nur nach einem einfachen Isolierband fragen. Selbstverständlich bekommen sie von uns das gewünschte Material.
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Das Schnellboot wird längsseitig vertäut und wir beginnen eine Diskussion über das ungewöhnliche Wetter. Es soll wohl noch zwei Tage so stürmisch bleiben. Angeregt unterhält man sich und wir merken, dass sich die Soldaten einfach nur an Land langweilten und eine Yacht aus Deutschland eine willkommene Abwechslung darstellt. Es macht ihnen also Spaß uns einen zweiten Besuch abzustatten. Spannend wird es, als wir spontan, nach unserem Gespräch, eine Einladung auf die unter Naturschutz stehende Mangroveninsel erhalten. Eine große Ehre für uns, denn das Betreten des militärischen Eilandes im Nationalpark ist sonst strengtens verboten. Wir steigen auf die graue Militärbarkasse um und lassen uns auf das Abenteuer ein.
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Gleich am Steg sehen wir im tiefblauen Wasser einen großen Rochen über den Sandboden schweben. Unzählige große Schneckengehäuse, die so genannten Conches, säumen unseren Weg- angeblich eine Delikatesse, zumindest bei der heimischen Bevölkerung. Wir sind sofort von der wilden Schönheit der Insel gefangen.
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Unser selbsternannter Führer Jose geht mit uns an der Militärbasis mit vielen Antennen und einem brummenden Dieselaggregat für Strom und Frischwasser vorbei. Unser Ziel laut Jose ist der Leuchtturm, eine etwa 10 Meter hohe bröckelige Betonkonstruktion mit sauber gehaltener Wendeltreppe.
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Kurz vor der Spitze stehen in windiger Höhe zwei große LKW Batterien auf dem Boden, die die Stromversorgung des Leuchtfeuers darstellen. Jose erklärt uns, dass er aus der Ferne eingeschaltet wird, also nicht immer brennt, so wie an dem Morgen unserer Ankunft. Den Strom bekommen die Batterien von einer provisorisch am Leuchtfeuer befestigten Solarzelle.
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Die Sonne brennt und wir sind neugierig, mehr von der kleinen Insel zu sehen. Am Strand entlang wandern wir durch das Dickicht der Mangroven. Mit ihren beeindruckenden Pfahlwurzeln hangeln wir uns von einer Bucht zur anderen. Wir pflücken Kokosnüsse und trinken die leckere Milch im Inneren. Immer auf der Hut vor kleinen Krokodilen, die es hier gibt, tasten wir uns durch das Unterholz. Uns fällt ein riesiges kokonartiges Gebilde auf einem der niederen struppigen Bäume auf, es ist die Behausung von Termiten, die sich sogar auf dem Baumstamm kleine Kanäle gebaut haben, um im Dunkeln aus der Erde in ihren Bau zu gelangen. Eine fantastische architektonische Leistung mitten im Nirgendwo.
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Leider finden wir selbst an diesem traumhaften Atollstrand Tonnen von Plastikmüll, Flaschen, Sandalen, Behälter aller Art, vermutlich entsorgt von den zahlreichen Kreuzfahrtschiffen, die Tag für Tag am Atoll vorbeifahren.
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Immer wieder kommt es vor, dass auch große Schiffe die unzuverlässigen Seekarten nicht richtig interpretieren und stranden. Taucher haben unzählige Wracks aus allen Jahrhunderten am Atoll entdeckt, aber nun ist das Tauchen verboten, da das Gebiet zum Nationalpark erklärt wurde.
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Wir ermutigen Jose noch ein Stück weiter zu gehen, vorbei am Grab eines Kameraden, den sie vor wenigen Wochen im Sand des Strandes beerdigt haben. Die 12-köpfige Crew auf der Chinchorro Bank, erzählt er, wird nur einmal im Monat ausgetauscht. Sie sind sich fast selbst überlassen.
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In der nächsten Bucht finden wir eine dicke Plastiktüte, gefüllt mit einer grauen, weichen Substanz: Marihuana, das auf dem Schwarzmarkt einen hohen Wert haben muss. Das Päckchen muss wohl bei einer misslungenen Übergabe über Bord gegangen sein. Hier auf hoher See wird viel geschmuggelt, sagt uns Jose. Die Verständigung erfolgt in einem radebrechenden Kauderwelsch, aber wir finden dennoch immer wieder Worte, um uns auszutauschen.
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Als nächstes zeigt Jose uns den Angelplatz der Crew. Er ist übersät von riesigen Schalen der Conches- angeblich so leckeren Schnecken. Das Wasser ist seicht und warm. Wir fühlen uns wie Robinson Crusoe, als wir durch die tiefbraunen Brackwassergebiete im Innern der Atollinsel wandern. Der Sturm, der auf der Nordseite der Insel tobt und unsere Weiterfahrt verhindert, ist hier kaum zu spüren. Die Mangrovenwälder halten ihn ab. Sie stehen wie ein Fels in der Brandung. Mangroven sind die wichtigste Küstenschutzeinrichtung die diese Inseln haben. Kein Betonpier, kein künstlicher Hochwasserschutz aus Menschenhand ist so effektiv und stabil wie die natürlich gewachsenen Mangroven, die sich mit ihren Pfahlwurzeln tief in den Meeresboden eingraben und sich dort verankern. Die Wurzeln bieten jungen Fischen ebenso Schutz wie einer Vielzahl von Organismen Halt und Lebensraum.
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Wir wandern zurück und lassen uns von Jose noch die "Haustiere" zeigen: Etwa ein Meter lange Leguane nehmen gerade im Hausgarten des Militärareals ein Sonnenbad.
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Am Horizont sehen wir meterhohe Wellen an der Riffkante brechen und sind froh hier vor Anker zu liegen. Im geschützten Atoll viele, viele Meilen von der mexikanischen Küste entfernt. Sie sind überwältigt vom Ausflug auf die Mangroveninsel und von der Gastfreundschaft des Militärs. Wir bedanken uns mit europäischem Rotwein bei ihnen.
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Chinchorro Bank wird wohl noch länger in unseren Köpfen sein.
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