Lernpotenzial aus der Ölkatastrophe?

Hamburg, den 4. Mai 2010. Es ist die schlimmste und nachhaltigste Ölkatastrophe, die die Menschheit je erlebt hat. Aber weil der gigantische Ölteppich noch weitgehend vor der Küste treibt, belegt er noch nicht den Spitzenplatz in den Medien. Die Öffentlichkeit nimmt kaum wahr, dass bereits am Samstag, dem 1. Mai nach den US-Staaten Louisiana und Florida auch die Bundesstaaten Alabama und Mississippi den Notstand ausgerufen haben. „Dieses Öl-Leck stellt eine ernsthafte Bedrohung für unsere Umwelt und Wirtschaft dar", sagte Alabamas Gouverneur Bob Riley. Nun hat auch das Land mit dem größten Ölverbrauch der Welt erkannt, dass die Balance zwischen Profitgier der Ölmultis und politischen Gefälligkeiten schon lange nicht mehr stimme.

Nur einen winzigen Bruchteil ihres Gewinnes in Höhe von 16,6 Milliarden Dollar müssen Ölmultis wie BP in Medienkampagnen und Scheininstitute investieren, um das Meinungsbild gegen die 3.000 Wissenschaftler des Weltklimarates aufzubauen, dass es den Klimawandel nicht gäbe. So wird es käuflichen Entscheidungsträgern in der Politik und Finanzwelt einfach gemacht, das Öl, das die Erde über Jahrmillionen angesammelt hat, mit einem Schlag in viel zu billige Energie und Treibhausgase umzusetzen und sich den immensen Profit in die eigene Tasche zu stecken. Die Rechnung im Falle der Plattform "Deepwater Horizon" wird die höchste sein, die ein Ölmulti je bezahlt hat. Letztendlich sind wir als Teil der Industrienationen deswegen betroffen, da unser Energiehunger die Ölunternehmen dazu bringt, unter immer riskanteren Umständen und größeren Risiken für die Natur den Rohstoff aus dem Boden zu graben. Nicht nur das Meer und seine tausenden von Organismen, sondern die sensiblen Mangrovensysteme an der Küste werden die Leidtragenden sein.

Die Mangrovenwälder mit ihrer einmaligen Artenvielfalt und ihren stelzenartigen Wurzeln im Sumpf der Küsten können nicht gereinigt werden, da unzugänglich für Mensch und Maschinen. Aus Profitgier wird nun das wichtigste Bollwerk vernichtet, das die amerikanische Bevölkerung der Südküstenstaaten gegen die zunehmend stärker werdenden Hurrikans schützen könnte. Und das ausgerechnet im UN-Jahr der „Biologischen Vielfalt“, das Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen, UNEP-Direktor Achim Steiner und Bundeskanzlerin Angela Merkel mit folgendem Zitat ausgerufen haben: „Wir müssen in den Schutz und die Erhaltung von Ökosystemen finanziell investieren, weil es Investitionen sind, die sich bezahlt machen.“

Das Team der ALDEBARAN hat mit seinen ausgiebigen Forschungsexpeditionen in die Mangroven- und Korallenregionen Mittelamerikas ausführlich dokumentiert, wie wichtig die Mangrovenwälder für das Überleben der Artenvielfalt und als Schutzwall gegen Hurrikans sind. Der texanische Hafen Port Arthur, von dem sie nach der Überführung 2008 gestartet war, ist inzwischen, wie viele andere Küstenbereiche, von einem Hurrikan weitgehend vernichtet worden.

Zufälligerweise spielt sich das ganze Spektakel nur wenige Meilen nördlich der mexikanischen Touristenmetropole Cancun ab, wo im Dezember 2010 die Kopenhagener Klimaschutzkonferenz fortgesetzt wird, und alle Länder erneut um einen Kompromiss für den Klimaschutz ringen - gegen die massive Emission von Treibhausgasen in Industrienationen wie der USA.

Zufälligerweise ist eine der Ölplattformen im Golf von Mexico Spielort der derzeit besten Klimadokumentation, die Anfang Juni in einer deutschen Fassung in die Kinos kommt: „The Age of Stupid“. Der Titel stammt von dem Shell-Ölplattform-Geologen Alvin DuVernay, der den Hurrikan Kathrina in New Orleans überlebte und zahlreiche Menschen, Tiere und ein Kind mit seinem Boot rettete. Alvin DuVernay sagt das vernichtende Zitat über das Engagement seines Unternehmens Shell am Ende der Dreharbeiten, dessen Titel der Film trägt.

Im ungünstigsten Fall könnte der Ölteppich um die Südküste Floridas herumschwappen und vom Golfstrom auch Teile davon bis zu uns in die Nordsee transportiert werden. Hoffen wir, dass vermutlich mit einer Sprengung das Bohrloch schnell verschlossen werden kann, und sich die Verantwortung der Ölmultis künftig nicht nur auf ihren Profit beschränkt, sondern auch auf alle Folgeschäden, die sie verursachen, bis hin zum globalen Klimawandel.

Frank Schweikert

 


Foto: Colemann / Museum für Naturkunde, Berlin

 


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