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Auf Sandstein gebautFarbenprächtige Steilwände, eine einzigartige Unterwasserlandschaft, die seit mehr als 100 Jahren Naturwissenschaftler aus aller Welt anzieht, sowie eine faszinierende Geschichte voller Schicksalsschläge und Überraschungen: Ist Deutschlands einzige Hochseeinsel Helgoland nicht ein passender Ort für die ALDEBARAN, in die Sommersaison zu starten? Nach einer langen Werftzeit in Spanien und einer intensiven Generalüberholung im Hamburger Hafen hat das Medien- und Forschungsschiff endlich wieder die Leinen losgeworfen, um zuerst dem leuchtenden Sandstein in der Deutschen Bucht einen Besuch abzustatten. Die Überfahrt am Dienstag, den 27. Juni 2006 erweist sich als recht rau, hoher Schwell lässt das Schiff im Gezeitenstrom der Elbe tanzen und macht Skipper Michel de Boer, Frank Schweikert und Uli Kunz das Leben ein wenig schwer, ebenso wie ein großer Rest eines Fischernetzes, das sich um den Propeller wickelt und mit Taucherbrille und Badehose (oder ohne?) aus kaltem Wasser gezerrt werden muss.
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Doch im dunklen Himmel über der Nordsee zeigt sich am Horizont ein rotglühendes Wolkenloch, aus dem gleichmäßig der Helgoländer Leuchtturm sein Zeichen über graue Wasser schickt. Weit nach Mitternacht läuft die ALDEBARAN im Südhafen ein und die Crew genehmigt sich noch ein verspätetes Abendessen, bevor nach äußerst anstrengenden Nächten der letzten Woche einmal wieder der Vorhang für mehr als 5 Stunden Schlaf fällt… Helgoland ist der Sitz der Biologischen Anstalt Helgolands, kurz BAH oder auch im Jargon der Insulaner ‚Bio' genannt, die auf der Felseninsel seit mehr als 100 Jahren Meeresforschung auf höchstem Niveau betreibt, mittlerweile angegliedert an das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven (AWI). Wir treffen am nächsten Morgen Dr. Inka Bartsch aus der ‚Bio', die ihren Forschungsschwerpunkt auf die Verteilung von Großalgen, wie z.B. den Brauntangen der Gattung Laminaria legt. Mit Hilfe der ALDEBARAN, die nun 13 Tage lang dem AWI als Forschungsschiff zur Verfügung steht, möchte Inka einen visuellen Abgleich von Transekten am Meeresboden erstellen, die mit Hilfe eines Echographen aufgezeichnet wurden. Mit verschiedenen Frequenzen wird hier der Untergrund beschallt, um ein möglichst hochauflösendes Signal zu erhalten. Die Bilder der ALDEBARAN-Kamera dienen einer Eichung des Gerätes, mit dem es zukünftig möglich sein soll, große Gebiete des Meeresgrundes in Hinsicht auf den Bewuchs mit Algen zu kartografieren, ohne aufwändige Kamerafahrten durchführen zu müssen. Der Großalgen-Wald vor Helgoland ist ein beeindruckendes Ökosystem: „Zwischen 70 und 100 Tier- und Pflanzenarten wachsen auf einer einzigen Laminarie“, erzählt Inka, „das ist ein unterseeischer Dschungel“. In den letzten Jahren scheint sich der Wald auszubreiten, da durch einen erhöhten North-Atlantic-Oscillation-Index (ein meteorologisch-ozeanographisches Phänomen) mehr klares Wasser aus dem Atlantik in die Nordsee einströmt und durch das erhöhte Lichtangebot den Pflanzen eine größere Tiefenausbreitung erlaubt. Doch wo genau die Grenzen des Kelpwaldes zu finden sind, ist unklar, da es rund um Helgoland nur eine Handvoll Plätze gibt, die regelmäßig von den Forschungstauchern der BAH Besuch erhalten. „Wir möchten eine Monitoring-Methode entwickeln, die ohne Taucher auskommt, um auch größere Flächen des Meeresbodens zugänglich zu machen“, begründet Inka das Projekt, „die Videobilder der ALDEBARAN sind wertvolle Daten für unser Groundtruthing (den Abgleich mit den Echographen)“. Sie erklärt uns die zu untersuchenden Gebiete und nennt genaue GPS-Positionen, anhand derer wir die Transekte abfahren werden. Da fast alle Untersuchungen im weitläufigen Naturschutzgebiet rund um den Felssockel Helgolands stattfinden, hat die ALDEBARAN eine Ausnahmegenehmigung vom Wasser- & Schifffahrtsamt erhalten, mit der wir die geschützten Bereiche befahren dürfen, ohne gleich von der Küstenwache abgefischt zu werden… aber auf solch kleinem Raum sind wir ohnehin schon bald bekannt wie ein „gelber Hund“, und die tägliche Anmeldung über Funk beim Hafenmeister reine Routine. Unsere neue Unterwasserkamera erweist sich als hervorragend für das Monitoring, mit 20cm Länge und einem Durchmesser von 3cm ist sie in einem Stahlrohr geschützt verpackt und mit einem stabilen, 50 Meter langen Kabel mit der Videoeinheit auf dem Schiff verbunden. Eine besondere Herausforderung und eine Anforderung des AWIs für die Forschungsarbeiten ist das Einblenden der aktuellen GPS-Position in das laufende Kamerabild, um bei der Auswertung jede Unterwasser-Landschaft sofort mit einer Seekarte und den Aufnahmen des Echographen in Deckung zu bringen. Mit Hilfe von Spezialisten und etlichen schlaflosen Nächten ist es der ALDEBARAN-Crew gelungen, ein System zu programmieren, mit dem das laufende Videobild nun auch noch parallel zu externen Daten des GPS und der Logge aufgezeichnet werden kann. Die stabil laufende Einrichtung erübrigt jedoch leider noch nicht das Fahren der geschleppten Kamera und das genaue Abstimmen mit Tiefe und Geschwindigkeit. Nach einigen Probeläufen, unterstützt von Philipp, der im Auftrag von Inka zusätzliche Taucheinsätze durchführen wird, sind allerdings der richtige Kamerawinkel und die optimale Schiffsgeschwindigkeit gefunden und Inka zeigt sich begeistert über die enormen Informationen, die sie aus den Bildern gewinnt. Am ersten Tag bewältigen wir 3 Transekte von jeweils ca. 700 Metern Länge, das ständige Hieven und Fieren des schweren Kameragestells lässt am Abend dann aber doch die Hände schmerzen. Kurze Aufregung herrscht immer dann an Bord, wenn sich das Gestell in einem Vorsprung am Grund verhakt, die Leine und das Kabel ausrauschen und die Kamera erst nach mehrmaligem Rucken befreit werden kann. Auch das Einhalten des genauen Kurses auf dem jeweiligen Transekt bei sehr langsamer Fahrt gestaltet sich vor Helgoland im Gezeitenstrom schwierig, wird aber von Skipper Michel professionell gemeistert. Das Wetter rund um die Insel könnte nicht besser sein bei leichten Winden und andauerndem Sonnenschein, und so kann die ALDEBARAN auch in Gebieten Transekte fahren, die sonst die größte Zeit des Jahres aufgrund des hohen Wellenganges kaum anzufahren wären. Im Repulse-Grund, auf der Nordseite der Düne und vor der Westküste Helgolands gelingen uns sehr gute Kamerafahrten, die nur durch Bojen der vielen Hummerkörbe etwas knifflig zu meistern sind. Der Lohn der wunden Hände sind Unterwasser-Aufnahmen, die auch für die routinierte Wissenschaftlerin Bartsch Überraschungen bereithalten: „Also dieses Laminaria saccharina Feld in der Reede (dem Fahrwasser zwischen Sandsteininsel und Düne) hätte ich nie vermutet!“. Schatzsuche für Biologen… Helgoland ist eine Insel mit einem besonderen Zauber, der sich aber erst dann erschließt, wenn man sich abseits der Touristenströme bewegt und den Charme eines wirklich einzigartigen Ortes genießt. Auf Helgoland ist vieles anders. Es gibt weder Autos noch Fahrräder (nur Polizei, Hafenmeister und Pizza-Service dürfen Zweiräder einsetzen), das Straßenbild ist geprägt von engen Gassen, bunten Häuschen, kleinen Elektro-Autos und dem allgegenwärtigen Blick aufs Meer. Wir dürfen Zeuge der Ruderregatta sein, einem alljährlichen Ereignis, bei dem sich verschiedene Mannschaften der Insel auf den tonnenschweren Börtebooten ein Rennen liefern. Dieses Jahr wird die 12-jährige Vorherrschaft der ‚Piraten' (natürlich entsprechend gekleidet) durch einen traumhaften Endspurt der ‚Germanen' (mit Fell, Helm und Keule) beendet, was natürlich zusätzlichen Grund zum Feiern gibt. Dass Deutschland am Vorabend das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft erreicht hat, spielt dann fast nur noch eine untergeordnete Rolle (was die Insulaner nicht davon abhält, mit kleinen Elektroautos, geschmückt mit der Deutschlandflagge, auf der Inselpromenade zu flanieren…). Am morgigen Dienstag aber werden auf alle Fälle wieder sämtliche Kneipen mit einem großen Fernseher restlos gefüllt sein. Sollte Deutschland dann noch das Finale erreichen, wird der Jubel so gewaltig sein, dass auch die Algen am Meeresgrund erzittern… die ALDEBARAN-Crew wird auch das dokumentieren… von Bord der ALDEBARAN Uli Kunz 3. Juli 2006
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